Schon in meiner Masterarbeit habe ich mit mit der Generation Y beschäftigt. Allerdings ging es damals um ihr Liebesleben, ihre Beziehungskisten und ob sich die “Millennials” in den Texten von Judith Hermann wiederfinden. Tatsächlich waren desillusionierte, beziehungsunfähige Figuren zu Hauf in den Erzählungen und Romanen von Judith Hermann zu finden. Glaubt man den Medien hat auch die Wirtschaft mit diesen Eigenschaften der Generation Y zu kämpfen: Millennials seien faule, arbeitsscheue Jobnomaden, die eingebildet und mit zu hohen Ansprüchen die Arbeitswelt auf den Kopf stellen. Im Jahr 2020 machen Millennials weltweit mehr als ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung aus, da will man schon wissen, ob da was dran ist.

Ich, ich, ich — Wie tickt die Generation Y?

Das Time Magazine titelte 2012: “The Me Me Me Generation: Millennials are lazy, entitled narcissist who still live with their parents”. In seiner Coverstory bezeichnet Autor Joel Stein die Generation Y nicht nur als faul und narzisstisch, er findet auch Studien, die beweisen, dass Millennials übertrieben selbstbewusst, ich-bezogen und materialistisch seien. Die Medien, aber auch Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen, waren sich einig: Mit diesem Mindset würde die Generation Y die Arbeitswelt revolutionieren.

Geschuldet sei dies der Zeit, in der wir Millennials aufwuchsen — einer Zeit der Ungewissheit mit ständigen Konflikten und offenen Kriegen. Globalisierung, Digitalisierung und multimediale Kommunikation in Echtzeit sowie Social Media sind weitere Faktoren, weswegen Millennials quasi “von Natur aus” flexibel, sprunghaft und experimentierfreudig seien. Als „Digital Natives“ ist die Generation ständig erreichbar, unmittelbare Rückmeldungen gewohnt und verlangt nach sofortiger Befriedigung ihrer Wünsche, Bedürfnisse und Ziele. Genau das bestimme auch ihr Berufsleben.

„Höher, schneller, weiter” – Was die Generation Y wirklich von der Arbeitswelt will

Eine Studie des Kienbaum Instituts unter Absolventen des Jahrgangs 2015 ergab, dass für rund 71 Prozent der Befragten Familie und Freunde bedeutend für eine erfüllte Lebenssituation – vor Erfolg in der Karriere (54%) und sogar Gesundheit (46%). Die Generation Y hat damit ganz andere Werte als ihre Elterngeneration. Es geht nicht mehr um “höher, schneller, weiter”, stattdessen suchen die heute 20- bis 30-Jährigen suchen nach Selbstverwirklichung.

Gibt der Job dies nicht her, wandern die Millennials wie Jobnomaden zum nächsten Arbeitsplatz. Selbstbewusst und narzisstisch wie sie sein sollen, stellen sie an jeden neuen Job ihre vermeintlich generationstypische Anforderungen: MacBook und iPhone X, frisches Obst und Säfte, Tischkicker und 10 to 4-Jobs. Auch wenn an der Arbeitsplatzabwanderung etwas dran sein mag, sieht die Realität anders aus:

Anforderungen der Generation Y an die Arbeitswelt (eigene Abbildung)

Sind Millennials für irgendwas gut?

Die meisten Beiträge und Studien, die nach der Jahrhundertwende um die Generation Y Wellen schlugen, pauschalisierten fast nur ihre negativen Eigenschaften. Inzwischen zeichnen aktuellere Studien ein anderes Bild. Beispielsweise fand die ManpowerGroup 2016 heraus, dass die Millennials alles andere als faul sind. In Deutschland arbeiten 75% der Mitte 20- bis Mitte 30-Jährigen in Vollzeit, und das bis zu 42 Wochenstunden.

Das flexible, sprunghafte Wesen der Millennials in der Arbeitswelt hat sich inzwischen als anpassungsbereite, selbständige und unabhängige Arbeitsweise bewiesen. Mit ihrer selbstbewussten Forderung nach Mitbestimmung, Sinn und Selbstorganisation im Arbeitsleben hat die Generation Y “Arbeiten 4.0” angeregt. Dass über Arbeitszeit und -ort mitbestimmt werden kann, Begriffe wie Home Office und Work-Life-Balance überhaupt eine Rolle spielen oder moderne Bürokonzepte Unternehmen bereichern, haben ältere und jüngere Generationen „uns“ zu verdanken.  (Ebenso vielleicht, dass man mit Content Marketing und unzähligen Artikel wie diesen Geld verdienen kann?)

Geister sind auch nur Menschen: Gibt es die Generation Y überhaupt?

Eigentlich interessant ist doch die Frage, ob es die Generation Y überhaupt gibt. Ist der Begriff vielleicht nur ein Konstrukt und dient als Projektionsfläche für den Unmut über eine sich verändernde Arbeitswelt? Jeder, der mit Kollegen und Kolleginnen zu tun hat, wird sie kennen: Faule, arbeitsscheue Mitarbeiter, die keine Verantwortung übernehmen wollen, die auf die Sekunde genau das Büro verlassen und nur auf das eigene Wohl bedacht sind. Jeder, der diese Art von Kollegen kennt, weiß aber auch, dass es genauso gut 45- oder 55-Jährige sind. Ebenso gibt es Ü40-Jährige, die auf der Suche nach Selbstverwirklichung von Job zu Job ziehen, ohne, dass man es „midlife crisis“ nennen kann.

Der Generationenbegriff ist ein Konstrukt, der mal mehr und mal weniger auf seine Mitglieder zutrifft. Trifft es zu, ist das Label „Generation Y“ für viele ältere Generationen die perfekte Begründung für Verhaltensweisen, die ihnen selbst völlig entgegengesetzt und nicht verständlich sind. Dass andersrum auch die Generation Y die Prioritäten der Generation X nicht nachvollziehen kann, hat weniger etwas mit den Begriffen an sich zu tun. Stattdessen mit sich verändernden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Doch einen Fehler dürfen „wir Millennials“ nicht machen: Niemals sollte man sich auf dem Generationenbegriff und den Eigenschaften, die zu diesem gehören, ausruhen. So wie die Figuren bei Judith Hermann, die sich mit ihrer Gefühls- und Illusionslosigkeit abgefunden haben, weil sie „Geister“ sind.

Passend zum Thema: KLAN und „Mama“. Da geht es wohl auch um Werteunterschiede zwischen Generationen.

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